Kasperle

Nov 23, 2009

Aus dem Leben eines Großstädters

by Linda Bög — last modified Nov 23, 2009 11:25 PM

Jede Stadt hat ihr Brauchtum und ihre Rituale.

Ganz Köln dreht zur Faschingszeit komplett durch und ruft von morgens bis Abends „Alaaaaaf“.  Berlin wurde geraume Zeit lang einmal im Jahr von knapp bekleideten Techno-Fans heimgesucht, die jedes mal unfassbar Müllberge hinterließen. München befindet sich bereits im September im Ausnahmezustand, wenn die Gäste aus aller Welt auf dem Oktoberfest eine oder zwölf gepflegte Maß Festbier zu sich nehmen wollen.

Die Weltstadt Augsburg feiert ihren Christkindlesmarkt. Dieses Jahr schon ab dem 23. November. Bei 12 Grad Durchschnittstemperatur und Sonnenschein.

Während diejenigen Kölner, die keine Lust aufs Verkleiden haben, einfach die Stadt verlassen, die Berliner während der Love-Parade jahrelang die Straße des 17 Juni gemieden haben und die Münchener nur an den Tagen auf die Wiesn gehen, an denen eben jene nicht von Italienern überrannt wird, kommt der gemeine Augsburger dem Christkindlesmarkt nicht aus.

Zentral und Publikumswirksam auf dem Rathausplatz gelegen nimmt der Weihnachtsmarkt aktustisch die gesamte Innenstadt ein. Doch auch die schmale Flucht zwischen Würschtlebuden und dem ortsansässigen Herrenaussatter wird von den Besuchern des Marktes in Anspruch genommen.

Da in den inneren Hauptverkehrsachsen der weihnachtlichen Shopping-Paradises sich all die Laufkundschaft auf Socken, Krippenzubehör und Schupfnudeln konzentriert müssen die zwar friedlichen aber schwankenden Glühweintrinker ins Umfeld des Christkindlemarktes ausweichen.

Genau dorthin, wo den friedliebenden Augsburger für gewöhnlich sein Heimweg entlangführt. Denn wenn eben jener Augsburger ganz in Gedanken an sein Server-Setup oder an Unterwäsche versunken nach Hause strebt um ganz gepflegt einen Berg Nudeln zu verspeisen, muss er, angesichts der kulinarischen Freuden, die ihn erwaren, viel aushalten. Aber schwankende Glühwein-betüdelte Frührentner, Yuppies und Abiturienten gehören nicht dazu.

Doch da es, unter anderem der Geschichte verschuldet (siehe Augsburger Religionsfrieden) dem Augsburger im 21. Jahrhundert nicht mehr gestattet ist, sich lauthals schimpfend oder rempelnd gegen die betrunkenen Weihnachts-Junkies zur Wehr zu setzen, wurde in Augsburg das sog. Kasperle-Slalom erfunden. Bei der Sportart, die mittlerweile in den USA zum Trend geworden ist, geht es darum, sich möglichst berührungslos durch die Horden der Besucher des Augsburger Glühmarkt-Besucher zu schlängeln.

Bewertet werden die Haltung, die Geschwindigkeit und der Gesichtsausdruck.

Die derzeitigen Rekordhalter sind Schupfheinz (13,5) und Annemarie Eilfeld (14,2). Anmeldungen zur diesjährigen Teilnahme an den Meisterschaften im Kasperle-Slalom werden ab sofort entgegen genommen. Die Mailadresse für die Anmeldung lautet: kasperle-slalom@augsburg.de